Gastkommentar

Nachhaltigkeit neu normieren

Vor Corona war der Begriff in aller Munde, jetzt braucht es eine Erweiterung von Nachhaltigkeit – um Resilienz.

Ein Gastkommentar von Markus Fallenböck

Vor Corona haben drei Buchstaben zunehmend die Wirtschafts- und auch Investmentwelt geprägt: ESG oder Environment Social Governance. Der Begriff steht für Nachhaltigkeitskriterien in den Bereichen Umwelt, Soziales und (verantwortungsvolle) Unternehmensführung. Er beschreibt einerseits, inwieweit ein Unternehmen diese Aspekte berücksichtigt, ist aber andererseits auch eine Investmentstrategie, die für die Auswahl von potenziellen Unternehmen herangezogen werden kann. In Europa hat ESG durch die EU-Kommission und ihre Empfehlungen einen starken Aufschwung erlebt. So hat sich etwa in Österreich das Kapital, das nach Nachhaltigkeitskriterien veranlagt ist, von 21 Milliarden Euro (2018) auf 30 Milliarden im Jahr darauf gesteigert. Und dann kam Corona.

Nach einer „Schrecksekunde“ hat die Politik schnell betont, dass die Unterstützungsmaßnahmen nach der Pandemie auch ESG-Kriterien verfolgen müssen. In Österreich wurde das besonders sichtbar beim Hilfspaket für die AUA, bei dem mit Ticketsteuer und Transfer der Kurzstrecke auf die Bahn ökologische Vorgaben eingeflossen sind. Gut so. Doch braucht es für die Zukunft eine strategische Neuausrichtung von Nachhaltigkeit. Sonst besteht die Gefahr, dass nur punktuelle Maßnahmen gesetzt werden ohne Blick auf deren Zusammenwirken. Die Coronakrise wirkt auch hier disruptiv; es braucht daher eine zusätzliche Dimension, die „Corporate Resilience“.

Schon seit einiger Zeit ist Resilienz im Sinne der psychischen Widerstandsfähigkeit ein Kernthema im Personalmanagement. „Corporate Resilience“ überträgt das Konzept auf das Unternehmen als Organisation und meint die Fähigkeit, einen Schock zu absorbieren und besser als die Konkurrenz aus der Krise hervorzugehen. Um es bewusst überspitzt zu sagen: Was helfen schöne Ansprüche im Bereich Soziales und Umwelt, wenn (zu) viele Unternehmen die Krise erst gar nicht überleben?

Daher braucht es beim Thema ESG eine Erweiterung, die zentrale Resilienzkriterien berücksichtigt. Im Fokus stehen hier die Eigenkapitalquote, Eigentümer- und damit Entscheidungsstrukturen, Führungskultur sowie die Robustheit des Geschäftsmodells.

Wie die ungünstige Kombination dieser Kriterien auch einen Weltkonzern ganz schnell ins Wanken bringt, zeigt das Beispiel von Adidas: Vor der Krise ein Konzern mit 60.000 Mitarbeitern, 24 Milliarden Euro Umsatz, weltumspannender Logistik und starker Expansion, konnte sich das DAX-30-Unternehmen erst durch einen Staatskredit über 2,4 Milliarden Euro und neue Bankkredite aus dem Corona-Schlamassel retten. Statt Eigenkapital aufzubauen, hat Adidas allein in den vergangenen zwei Jahren 1,8 Milliarden Euro für Aktienrückkäufe ausgegeben. Da wurde dann in der Krise das Geld in der Kasse sehr schnell knapp.

Vom Schock in die Offensive

Resilienzkriterien sollten vor allem dort eine Rolle spielen, wo sich der Staat an Unternehmen beteiligt. Hier sind die börsenotierten Beteiligungsunternehmen der Republik Österreich mit Widerstandskraft in die Coronakrise gestartet. Mit Ausnahme der OMV konnten Post, Telekom und Verbund ihren Umsatz im Vergleich zum ersten Quartal des Vorjahres steigern. Vor allem schlagen sich alle vier Unternehmen besser als vergleichbare Branchenunternehmen. Besonders deutlich ist das beim Verbund, bei dem der Umsatz um vier Prozent gewachsen ist, während andere Energieunternehmen im Schnitt sieben Prozent verloren haben.

Keine Frage: Auch Verbund und Co. werden noch durch schwierige Zeiten gehen, aber es gibt die Chance, dass sie sich deutlich schneller erholen und ihren Vorsprung ausbauen können. Genau das ist Resilienz.

Der Gastkommentar erschien in der Tageszeitung „Die Presse“. Markus Fallenböck ist Gesellschafter des österreichischen Fintech Own360 (früher Own Austria), das einen Standortfonds für private Anleger anbietet. Davor war er viele Jahre in Managementfunktionen etwa bei der Styria Media Group und der Verlagsgruppe News tätig.

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