Was Innovation ausmacht

Die Österreicherin und Ärztin Sophie Chung ist eine der schillerndsten Unternehmens-Gründerinnen im deutschsprachigen Raum. Mit Ihrem Unternehmen Qunomedical hilft Sie monatlich mehr als 10.000 PatientInnen medizinische Behandlungen auf (fast) der ganzen Welt zu bekommen. Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtete über sie, das "Handelsblatt" kürte Sie Ende 2019 zum „Handelsblatt Rolemodel“ und sie zählt zu den Capital 40 under 40. Chung ist Tochter zweier kambodschanischer Flüchlinge, wuchs in Linz (Oberösterreich) auf und studierte in Wien Medizin. Sie arbeitete als Ärztin, wechselte dann zur Unternehmensberatung McKinsey und von dort zum New Yorker Startup Zocdoc. Ende 2015 gründet Chung dann ihr eigenes Unternehmen Qunomedical. Die ÖBAG und Own360 sprachen mit ihr zum Thema „Innovation“. Das Gespräch führte Martin Foussek.

Martin Foussek: Sie waren zuerst als Ärztin tätig und haben dann ein Start-Up gegründet. Warum?

Sophie Chung: Mir war sehr früh in meiner Karriere klar, dass ich ein kleiner Freigeist bin, der zwar gut innerhalb von rigiden Strukturen funktionieren kann – wie in der Medizin, jedoch erst dann sich wirklich entfaltet, wenn es den Raum dafür gibt. Selbst etwas gründen war von daher immer der Plan.

Martin Foussek: Wie beurteilt sie den Innovationsstandort Österreich, wo sind Stärken, wo sind Schwächen?

Sophie Chung: Österreich ist ein wunderbares Land mit viel Stabilität, Wohlstand und Bildung – alles im Grunde genommen sehr gute Voraussetzungen für Innovation. Ich denke jedoch, dass es hier noch viel mehr Potential gibt und wir in der Innovationsförderung viel stärker und früher ansetzen müssen.

Martin Foussek: Sie haben u.a. für die renommierte Unternehmensberatung McKinsey & Company große Unternehmen beraten. Können große Unternehmen ausreichend schnell ausreichend innovativ sein?

Sophie Chung: Ja. Das zeigen große Unternehmen wie Apple und Amazon. Größe kann ein Hindernis sein, wenn man nicht das richtige Mindset hat. Andererseits kann Größe auch eine große Hilfe sein, wenn es um Talent und finanzielle Ressourcen geht.

Martin Foussek: Wie beurteilen Sie aus der Sicht eines (relativ) kleinen, dynamischen Startups die Zusammenarbeit mit großen etablierten Unternehmen? Kann das funktionieren? Bringt das was?

Sophie Chung: Das kann auf jeden Fall funktionieren und wäre aus meiner Sicht oft die perfekte Symbiose. Ich denke, dass hier die großen Unternehmen noch viel offensiver auf Start-ups zugehen könnten. So können die etablierten Unternehmen sich abschauen, wie man trotz beschränkter Ressourcen und mit Kreativität sich sehr gut und schnell sich auf dem Markt bewegt während die Start-ups sich viele Prozesse und Best-Practices von den Größeren abschauen können.

Martin Foussek: Sie vermitteln medizinische Dienstleistungen. Was kann, was darf, was muss dabei innovativ sein? Welche Rolle spielt dabei ein „mündiger“ Patient/Konsument?

Sophie Chung: Meiner Meinung nach muss es, wenn es um die Medizin geht, immer maximal innovativ sein. Gesundheit ist das höchste Gut im Leben und das beste ist hier gerade gut genug. Die Rolle des Patienten als mündigen Konsumenten im Gesundheitssystem wird immer relevanter. In Zukunft wird niemand an der Frage vorbeikommen „Was will der Patient eigentlich“ bzw. „Was ist der beste Service für den Patienten“ – und das ist auch gut so.

Martin Foussek: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Was braucht es um neue, innovative Lösungen zu etablieren und nachhaltige Verhaltensänderungen zu erwirken?

Sophie Chung: Für Innovation braucht es vor allem einen offenen Geist. Wir brauchen eine Gesellschaft, die neugierig ist, sich traut und positiv durchs Leben geht. Ist das Gegenteil der Fall, wird jede Innovation im Keim erstickt – von allen Nein-Sagern und Skeptikern in dieser Welt.

Martin Foussek: Aktuelles Thema Corona: Wie sind Sie damit umgegangen? Welche Learnings haben Sie mitgenommen? Und welche Auswirkungen wird es auf das Gesundheitsbewußtsein haben?

Sophie Chung: Corona war für uns alle neu und unerwartet. Mein größtes Learning ist, dass man in solchen Situationen sehr schnell und gleichzeitig faktenbasiert und transparent entscheiden muss. Bei Qunomedical haben wir alle Entscheidungen und Prognosen allen Mitarbeitern zeitgleich mitgeteilt, sodass wir alle gedanklich abholen können. Corona hat sicherlich das Gesundheitsbewusstsein nocheinmal geschärft und die Wichtigkeit eines funktionierenden Gesundheitssystems hervorgehoben.

Martin Foussek: Gesundheit ist ein ganz zentrales Thema auch der aktuellen Nachhaltigkeits-Debatte. Welche Perspektive haben Sie darauf? Welche Position raten Sie Unternehmen dahingehend einzunehmen?

Sophie Chung: Ist der Mensch gesund, ist er glücklich und leistungsfähig. Gesundheit passiert nicht einfach, sondern muss erhalten und gepflegt werden. Das unterschätzen viele Unternehmen. Es wäre wichtig, dass sie sich fragen, was sie denn zur Gesundheit ihrer Mitarbeiter, körperlich und geistig, beitragen können. Einen Arbeitsplatz zu schaffen, der motivierend, anerkennend und fair ist würde nachhaltig viele Menschen gesünder machen.

Martin Foussek: Abschließend noch eine persönliche Frage: Sie leben in Berlin, sind aber regelmäßig in Österreich. Was unterscheidet Berlin von Wien – beruflich und privat?

Sophie Chung: Wien ist und bleibt einfach meine Lieblingsstadt, das wird sich auch nicht mehr ändern. Berlin ist dennoch im Vergleich zu Wien kulturell bunter und internationaler. Das schätze ich sehr. Berlin ist für mich ein bisschen wie das Tor zum Rest der Welt.

Das Interview entstand in Zusammenarbeit mit OWN360 Österreich.

Sophie Chung ist Ärztin und Gründerin eines Startups. 2019 wurde sie vom "Handelsblatt" zum „Rolemodel“ gekürt und sie zählt zu den Capital 40 under 40
Im Gespräch erklärt sie, wie Innovation entstehen kann und, dass auch in Kooperationen zwischen Startups und großen Unternehmen wie jenen der ÖBAG großes Potenzial liegt.
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