Aktuelle Trends in der internationalen Immobilienwirtschaft

Stephan Alexander Steiner ist Managing Director von Savills Studley in New York. Savills ist einer der renommiertesten internationalen Dienstleister im Bereich Gewerbeimmobilien und an der Londoner Börse notiert. Stephan Steiner wurde in New York City geboren und wuchs in Österreich und den USA auf. Er studierte u.a. an der renommierten Columbia University in New York Rechtswissenschaften, wo er die Columbia Real Estate Law Society mitbegründet und dreimaliger Harlan Fiske Stones Preisträger war. Er ist als Anwalt in New York zugelassen. Heute berät Dr. Steiner internationale – darunter auch österreichische – Klienten zu internationalen Immobilientransaktionen.

Das Interview führte Martin Foussek von OWN360. 

Martin Foussek: Sie sind teilweise in Wien aufgewachsen, haben Ihre Ausbildung und beruflichen Erfahrungen aber in den USA gesammelt. Was unterscheidet Österreich und die USA; was verbindet die Länder?

Stephan Steiner: Der größte Unterschied ist das Sozialsystem und seine Auswirkungen auf die Denkweise der Menschen. Ich werde oft gefragt, warum Amerikaner im Vergleich zu Österreichern so unternehmerisch sind – die Antwort lautet „Notwendigkeit“. In der Antike überquerten Generäle einen Fluss und verbrannten die Brücke hinter sich, um ihren Soldaten klar zu machen, dass es keinen Weg zurück gibt – sie gewinnen oder sie sterben. Amerika ist nicht so hart zu seinen Bürgern – aber fast! Unser „soziales Netz“ in den USA hat mehr mit Ländern der Dritten Welt gemeinsam als mit Westeuropa. In den USA – insbesondere in New York – sind die Menschen entweder reich oder arm. Die Mittelschicht, wie wir sie in Österreich kennen, ist sehr klein in New York. Das System, das sich in den USA etabliert hat, zwingt die Menschen, Risiken einzugehen, die sie sonst nicht eingehen würden: "Wenn Sie nichts haben, haben Sie nichts zu verlieren."

Österreich hingegen hat ein vergleichsweise gut funktionierendes Sozialsystem und die Menschen dadurch weniger Anreize, Risiken einzugehen. In Österreich ein nur bescheidenes Einkommen zu erzielen, ist keine große Tragödie – man bekommt eine gute Gesundheitsversorgung, eine gute Wohnung, hat viele Urlaubstage und fährt wahrscheinlich einen Volkswagen. Davon können viele Amerikaner nur träumen. Die meisten Menschen strengen sich nur an, wenn Sie einen wirklich guten Grund dafür haben?

Die Gemeinsamkeit zwischen Österreichern und Amerikanern – zumindest geschäftlich – ist ihre Flexibilität und ihr Pragmatismus. Sie machen das Perfekte nicht zum Feind des Guten.

Martin Foussek: Hat sich durch Corona in den letzten Wochen & Monaten etwas im Immobiliengeschäft geändert?

Stephan Steiner: Der New Yorker Wohnimmobilienmarkt hat viel Gegenwind erfahren. Aufgrund der Steuerreform von Trump und seines fast schon kalten Krieges mit China gab es auf dem New Yorker Wohnimmobilienmarkt bereits einen spürbaren Abschwung. Dies wird kurzfristig noch verschärft, da die Menschen das Leben in einer so dicht besiedelten Stadt wie New York neu bewerten. Viele New Yorker mieten aktuell Häuser in den Vororten oder verlassen überhaupt den Großraum New York. In ähnlicher Weise wie Amazon und der Online-Handel insgesamt den traditionellen Einzelhandel stark herausgefordert hat – hat der Corona-Lockdown wahrscheinlich eine große Anzahl von Einzelhändlern und Restaurants zum Aufgeben gebracht und den Einzelhandelsmarkt noch stärker als bisher wirtschaftlich herausgefordert.

Im Gegensatz dazu scheinen einige bis dato nicht besonders beachtetet (geografische) Märkte von den Corona-Maßnahmen nicht betroffen zu sein. Beispielsweise in Montana (ein Bundesstaat der USA, der etwas größer als Deutschland ist jedoch nur 1 Million Einwohner hat) steigen die Immobilienwerte, da die Menschen für den Fall einer erneuten Krise dieser Art nach einem sicheren Ort suchen.

Theoretisch ist davon auszugehen, zumindest langfristig, dass die nicht besonders zielgerichtet erscheinenden Staatsausgaben und die daraus resultierende Staatsverschuldung die USA dazu zwingen wird, weiterhin viel Geld zu drucken. Dies wird zu Inflation führen, die reale Vermögenswerte begünstigen sollte – einschließlich Immobilien.

Martin Foussek: Was wird sich in der internationalen Stadtentwicklung tun? Wie stellen Sie sich die Stadt der Zukunft aus Immobilien-Sicht vor? Haben Unternehmen überhaupt noch Platz in Städten?

Stephan Steiner: In Städten versammeln sich junge Talente und Unternehmen brauchen diese jungen Talente. Zwar finden Unternehmen überall auch günstigere Standorte, die für nicht zum Kerngeschäft gehörende Funktionen genutzt werden können. Für die Top-Talente, die Unternehmen aber auf jeden Fall benötigen, werden die Städte nach wie vor unausweichlich als Standort attraktiv sein.

Lassen Sie mich einige Beispiele nennen: Vor 20 Jahren hat die UBS einen Großteil ihrer Aktivitäten nach Stamford, Connecticut, verlegt – einer vergleichsweise kleinen Stadt mit 130.000 Einwohnern, die eine 40-minütige Zugfahrt von New York City entfernt liegt. Der UBS wurde jedoch schnell klar, dass sie nicht die Talente rekrutieren konnte, die sie brauchte, und so verlegte sie ihren Office-Standort schon bald wieder zurück nach New York City.

Am 11. September 2001 saß eine Gruppe von Freunden in meiner Wohnung und wir hörten Musik, als die beiden Türme des World Trade Centers einstürzten. Wir gingen auf das Dach meines Hauses, um zu sehen, wie der Rauch aus Lower Manhattan aufstieg. Einer meiner Freunde sagte: „Jetzt werden alle aus New York weg ziehen wollen .“ Zu seiner Ehre – viele Menschen sind aus New York weggezogen – aber noch viel mehr Menschen sind seitdem nach New York gekommen.

Und dann, 2008/09, als die Leute zu Tausenden ihre Jobs verloren – sagte mir derselbe Freund: „Das war’s jetzt für New York, jeder wird das Weite suchen.“ Wieder verließen viele Leute die Stadt, aber noch mehr Leute zogen nach New York.

In der aktuellen Krise war und ist der Büromarkt in New York seit dem Corona-Lockdown ziemlich ruhig. Trotzdem ist zu beobachten, wie etwa die großen Technologieunternehmen bereits hinter den Kulissen Verträge für mehr Büroflächen in New York City aushandeln.

Wenn ich an meine Kindheit in Wien zurück denke, war das Philips Haus ein 13-stöckiger Riese am Horizont, wenn man die Triesterstraße hinauffuhr. Jetzt gibt es unzählige Gebäude am Wienerberg und in ganz Wien, die höher sind. In New York war Brooklyn 300 Jahre lang ein Wohn- und Industriebezirk der Arbeiterklasse. Jetzt wird es zu einem echten Handelszentrum, in dem die Büromieten so hoch sind wie in Manhattan.

Ich bin davon überzeugt, dass Großstädte weiter wachsen werden, sobald sich die Welt mit den Realitäten des Coronavirus umzugehen gelernt hat. Kleinere Städte die viele der Annehmlichkeiten von Großstädten, aber zu günstigeren Lebenshaltungskosten anbieten können, werden interessante Alternativen bleiben. Meiner Meinung nach bietet Wien 90 Prozent der Vorteile eines Lebens in New York City zu 50 Prozent der Kosten. Und das ist schon ein ziemlich gutes Wertversprechen.

Teil 2 des Interviews folgt in Kürze ... Stay tuned!

Das Interview entstand in Zusammenarbeit mit OWN360

"Meiner Meinung nach bietet Wien 90 Prozent der Vorteile eines Lebens in New York City zu 50 Prozent der Kosten. Und das ist schon ein ziemlich gutes Wertversprechen."
Karl Schwanzers Philips-Haus von 1965 war lange Zeit das einzige Hochhaus am Wienerberg
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